Die nachfolgende Chronlogie basiert auf den Arbeiten des Kieselbacher Bürgers Werner Stranz, welcher mit akribischer Sorgfalt unsere Heimatgeschichte über mehrere Jahre hinweg detailliert aufgearbeitet hat.
Der Jubiläumsverein Kieselbach 1155 e.V. hat in Zusammenarbeit mit Herrn Stranz unter dem Titel "850 Jahre Kieselbach 1155-2005" ein Büchlein herausgegeben, in welchem der interessierte Leser noch wesentlich weitreichendere Informationen zur Ortsgeschichte Kieselbachs erfahren kann.
Unser besonderer Dank geht daher an dieser Stelle an Werner Stranz, Wolfgang Niebergall, Horst Mey, Manfred Stranz, Horst Niebergall, Hans-Georg Limburg und Dr. Ingolf Stranz.

18. Juni 1155

"in villa nostra Kiselbach, que sita est in radice montis et castri nostri Creienberg"
(in unserem Dorfe Kieselbach, welches gelegen ist am Fuße des Berges und unserer Burg Krayenberg)

Diese Passage aus einem Dokument des Abtes Willibold von Hersfeld ist die früheste nachweisbare Erwähnung des Ortes Kieselbach und somit seine eigentliche Geburtsurkunde. Aus dieser heute im Staatsarchiv Marburg aufbewahrten Urkunde geht hervor, dass Kieselbach zur Zeit der Ersterwähnung unter thüringischer Landeshoheit stand, aber bereits zum Kloster Hersfeld gehörte.


ca. 1130

Durch das Kloster Hersfeld wird in Kieselbach ein Unter- oder Vogteigericht ins Leben gerufen. Die Stelle, wo das Gericht unter freiem Himmel tagte, hatte bis zur Flurzusammenlegung (nach dem ersten Weltkrieg) den Namen "Am Gericht".


1183/1308

Urkunden aus dem 12. Jahrhundert belegen, dass bereits im frühen Mittelalter sowohl Edelleute als auch kirchliche Einrichtungen einst über umfangreiche Besitztümer in Kieselbach verfügten. Im Jahre 1183 trat der Ritter Konrad von Weilar seine Güter zu "Cieselbach" an das Mönchskloster Königsbreitungen ab, anno 1308 erwarb das Kloster Frauensee "Zinsgerechtsame", das heißt vererbliche und verkäufliche Nutzungsrechte an Haus, Hof und Grundstücken, in Kieselbach.


1436

Erstmalige Erwähnung des "Kambachshofes", des heute zu Kieselbach gehörenden Ortsteiles Kambachsmühle. In den Grenzbeschreibungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert ist bereits mehrfach die Rede von einem "born in der wyssen onder Springen" (Brunnen in der Wiese unterhalb von Springen). Vermutlich war damit die Quelle des "Cambachs" gemeint. Später wurde auf dem Kambachshof eine Mühle errichtet, die dem heutigen Ortsteil seinen Namen gab.


1485-1525

Nachdem im frühen Mittelalter die Güter in Kieselbach unter vielen Edelleuten verteilt waren und stetig hin- und her verkauft oder verliehen wurden, wurden bei der großen Landesteilung im Jahre 1485 die in Kieselbach gelegenen herrschaftlichen Besitztümer an den Kurfürsten Ernst übertragen und acht Jahre später an den Ritter Hans von Goldacker.
Nach noch mehrmaligem Besitzerwechsel gingen die Kieselbacher Liegenschaften im Jahre 1525, ebenso wie die Krayenburg, in das Eigentum des Grafen Adam von Beichlingen über.


1522

 

Durch königliche Übereignung hatte das Kloster Hersfeld reichen Grundbesitz erworben, welcher weiter verlehnt (verliehen) wurde. Auch die Besitzer von Amt und Schloss Krayenberg gehörten zu den Lehnsleuten der Abtei. Da für die Bewirtschaftung des Klosterlandes nur eine begrenzte Anzahl ständiger Arbeitskräfte zur Verfügung stand, waren die halbfreien Bauern Kieselbachs durch die Gesetzgebung als sogenannte "Hörige" fest an ihre Scholle gebunden und hatten die Pflicht zu Ableistung von Frondiensten. Weiterhin mussten sie zahlreiche Abgaben erbringen, die in Form von Geld und Naturalien zu zahlen waren.
Der erste urkundlich nachgewiesene Fronvertrag des Amtes Krayenberg stammt aus dem Jahre 1522.


1524/1525

In den Jahren 1524/25 gab es unter der Führung von Thomas Müntzer einen Aufstand der Bauern, den sogenannten "Bauernkrieg", in welchem die Bauern für die Wiederherstellung ihrer alten Rechte und für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage kämpften. Hauptforderungen waren hierbei unter anderem die Abschaffung der Leibeigenschaft und der Folterstrafe sowie die Abschaffung des "Todfalles", der das Recht des Grundherren auf gewisse Gegenstände der Hinterlassenschaft eines verstorbenen Bauern bezeichnete.
In unserer Gegend formierte sich am 19. April 1525 in Völkershausen der sogenannte "Werrahaufen", dem sich die Bauern aus den Ämtern Salzungen, Krayenberg, Vacha, Gerstungen und Eisenach anschlossen und welcher zuletzt eine Stärke von 7.000 Mann hatte.
Der Bauernaufstand wurde jedoch blutig niedergeschlagen und der führerlos gewordene "Werrahaufen" löste sich auf. Als Strafe wurden die Fronverpflichtungen erhöht und je nach Maß der Beteiligung an der Aufstandbewegung enorme Summen an Bußgeldern gefordert, die entweder individuell oder durch die Dorfgemeinschaft zu zahlen waren.


1535-1538

Graf Adam von Beichlingen ließ während seiner segensreichen Amtszeit in Kieselbach ein Zeughaus und eine Richtstätte erbauen. Auf dem Dorfanger unterhalb der Kirche, auf dem sich die Dorflinde befand (und noch heute befindet), wurde der Gerichtsplatz eingerichtet und das "Halseisen" angebracht. Reste dieses mittelalterlichen Folterinstruments befanden sich noch bis in jüngere Zeit an der Nordseite der Lindenmauer.
Die sogenannten "Rügegerichte" ahndeten vorwiegend Holz- und Felddiebstähle. Sie sprachen jedoch nicht nur Rügen aus, sondern verhängten auch Geldstrafen.


1554

In früherer Zeit besaß Kieselbach keine eigene Kirche. Die Einwohner wurden von den Pfarrern der Krayenburg und Tiefenort "mit versorgt". Ältester Teil der heutigen Kirche war ein freistehender Wehrturm. Das aus Sandstein bestehende Untergeschoss des Turmes weist zwar bereits die Jahreszahl 1521 auf, erstmalig erwähnt wurde die Kirche jedoch 1554.
Unter dem Turm liegt der Altarraum. Die Rippen des Gewölbes sind mit roh in den Stein gehauenen Männerköpfen versehen.
Anlässlich der in den Jahren 1691/92 durchgeführten Generalreparatur der Kirche wurde das Kirchenschiff angebaut und eine zweite Empore errichtet.
Der Hauptraum der Kirche erhielt so 1692 seine heutige Gestalt.


1567

Nachdem Graf Adam von Beichlingen am 7. August 1538 starb und in der Kirche zu Tiefenort beigesetzt wurde (das nebenstehende Bild zeigt sein Grabmal), fielen im Jahre 1567 mit dem Amt Krayenberg auch alle Besitztümer in Kieselbach an das herzogliche Haus Sachsen und wurden zu staatlichen Gütern und Forsten erklärt. Die vom sächsischen Staat zur Verwaltung eingesetzten Beamten hatten ihren Dienstsitz zuerst auf der Krayenburg und ab 1703 im Amtshaus in Tiefenort.


1570

Mit der Verstaatlichung der Güter und Forsten ging man dazu über, Grenzsteine zu setzen, auf denen Wappen und Abkürzungen eingemeißelt waren (z.B. SWE = Sachsen-Weimar-Eisenach, AC = Amt Krayenberg).
So wurde auch in dieser Zeit in der Amtsbeschreibung die Dorfgrenze von Kieselbach genau festgesetzt.


1571

 

Ende des 16. Jahrhunderts war Kieselbach Teil eines "Zents", eines Gerichtsbezirkes, dem in der Regel sechs bis acht Gemeinden angehörten und dessen Vorsteher der "Zentgraf" war.
In Kieselbach residierte der "Fürstlich Sächsische Centgraf" Heinrich Brüll. Dieser ließ im Jahre 1571 in der heutigen Fuchsgasse ein mehrstöckiges Haus errichten, bei dessen Bau auch Steine verwendet wurden, die von der Krayenburg stammten und vom Berg zu Tal gerollt worden waren.
Das Grundstück des Zentgrafen erhielt später den Namen "Glaam" (auch "Claam" oder "Clam").
Im Portal des Hauses von Heinrich Brüll war die Inschrift eingemeißelt: "Salus exeuntibus et introeuntibus. Heinrich Brüll, Centgraf vom Ambte Kreienburg 1571" (Wohlergehen denen, die hinausgehen, und denen, die eintreten. Heinrich Brüll, Zentgraf des Amtes Krayenburg 1571).


1572

 

Im Jahre 1572 wurde das Marktrecht des Amtes Krayenberg von Tiefenort auf Kieselbach übertragen. Maßgeblich für die Verlegung dürfte die günstigere Lage des Ortes an der alten Handelsstraße gewesen sein.
Den Händlern war nachgelassen, nicht nur Vieh zu verkaufen, sondern auch Waren aller Art. "Zu größerer Bequemlichkeit der Fremden war das Herbergen und Speisen derselben jedem Ortsnachbar" (= Einwohner) gestattet.


ca. 1610

 

Den Bestimmungen der sächsischen Heeresfolge entsprechend wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch im Amte Krayenberg eine Landwehr gebildet. Ihre Aufgabe bestand darin, im Falle eines feindlichen Angriffs so lange Widerstand zu leisten, bis eine Streitmacht des Landesfürsten in den Kampf eingreifen konnte.
Führer der Krayenberger Kompanie war der Kieselbacher Gastwirt Daniel Schrumpff. In Anerkennung seiner Verdienste als Hauptmann war er auf fürstlichen Befehl eine Zeitlang von der Zahlung des Erbzinses für die Gastwirtschaft befreit.


1618-1648

 

Mit einem Aufstand des böhmischen Adels gegen die Herrschaft der Habsburger begann im Jahre 1618 der 30jährige Krieg.
Auch für unseren unmittelbar an der großen Heer- und Handelsstraße gelegenen Ort brachte dieser Krieg Tod und Verderben.
Neben Deutschen aus allen Teilen des Reiches zogen auch Kroaten, Wallonen, spanisches Fußvolk, schwedische Kavalleristen und von General Ramsay befehligte Schotten über die Straßen unserer Heimat. Alle Durchzüge waren begleitet von Drangsalierungen der Bevölkerung.
1625 zogen Soldaten des kaiserlichen Generals Wallenstein plündernd, sengend und mordend durch Kieselbach.
1629 folgten ebenso zerstörerisch die Truppenteile des Grafen von Tilly.
1631 marschierte der österreichische Obrist Colloredo mit einer starken Kompanie durch den Ort.
Im Oktober 1634 fielen die gefürchteten Kroaten unter dem Grafen Isolani in unsere Gegend ein.
Am 30. Januar 1637 fiel eine Schar von 30 Reitern in Kieselbach ein, die zuvor in Merkers Vieh geraubt und erst gegen die Zahlung von Lösegeld wieder freigegeben hatte.
1640 wurde die Krayenburg von marodierenden schwedischen Soldaten "hart mitgenommen, und alle urkundlichen Nachrichten und sonstige schriftliche Aufzeichnungen gingen dabei verloren".
1634 heißt es über die Krayenburg: "Alles vom kaiserlichen Volk ruiniert, zerschmissen und zerschlagen".
Die Soldateska, gleich ob Deutsche oder Ausländer, plünderte, vergewaltigte, schlug die Einwohner tot, steckte deren Häuser in Brand und trieb das Vieh fort.
Im Jahre 1638 hieß es: "Kieselbach hat im jetzigen verderbten Zustande noch 25 Mannschaften, 5 Witwen, 36 leere Wohnhäuser, 165 bestellte Acker Land, 731 unbestellte und wüste Acker Land, 2 Pferde, 4 Ochsen, 24 Kühe, 21 Schweine, vorher 446 Schafe, jetzt keine".
Am Ende des 30jährigen Krieges waren von ursprünglich 80 Familien nur noch 49 Familien und 12 Witwen übrig, von einst 90 Häusern waren nur noch 29 bewohnbar.


1756

 

Nach dem 30jährigen Krieg bedurfte es langer und harter Arbeit, um alle Kriegsschäden zu beseitigen. Doch kaum waren die Wunden des Krieges geheilt, wurde unsere Heimat in neue kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt.
Im Sommer 1756 marschierten preußische Truppen des Königs Friedrich II. ("Alter Fritz") in Sachsen ein und begannen den Siebenjährigen Krieg gegen Frankreich, Russland, Österreich und Sachsen.
Wie schon im 30jährigen Krieg diente unsere Heimat vor allem als Aufmarsch- und Durchzugsgebiet.
Nach dem Sieg des Preußenkönigs über die Franzosen flohen einzelne versprengte Truppenteile der französischen Armee durch unsere Gegend. Die druchziehenden Truppen forderten Fouragelieferungen, requirierten Vorspannpferde und erpressten Kontributionen.


1792-1807

 

In dieser Zeit führten wechselnde europäische Verbündete vier Kriege gegen das revolutionäre und napoleonische Frankreich, die als "Koalitionskriege" bezeichnet werden.
Wie schon zuvor im Siebenjährigen Krieg wurde unsere Heimat auch diesmal zum Durchzugsgebiet großer Truppenmassen. Fremdes Kriegsvolk, Franzosen, Italiener, Portugiesen, Russen und Österreicher quartierten sich in Kieselbach ein, forderten Unterkunft, Verpflegung und Abgaben. Zeitweise war der Ort regelrecht von Soldaten überschwemmt.


1797

 

Auf seiner Reise von Weimar nach Frankfurt kam der weimarische Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe auch durch Kieselbach.
In seinem Tagebuch hielt er folgendes fest:
"1. (August), Früh 4 Uhr von Marksuhl ab. Sandstein in größeren und kleineren Platten, den wir gestern schon gesehen. Verwitterung desselben. Feld, Höhen und schöne Gründe.
Kieselbach - schöne Lage!
Werra Thal bis Vach. Große Fruchtbarkeit. Alter und schlechte Beschaffenheit von Vach selbst."


1813

 

Nach dem gescheiterten Eroberungsfeldzug Napoleons I. in Russland und der Niederlage der französichen Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig zogen in den letzten Oktobertagen des Jahres 1813 etwa 20.000 von Hunger, Erschöpfung und Krankheiten gepeinigte französische Soldaten durch unsere Gegend. Auch in Kieselbach waren alle Häuser, Stallungen und Scheunen mit Soldaten belegt. Viele Einwohner Kieselbachs hielten sich in den umliegenden Wäldern verborgen. Nach ihrer Rückkehr fanden sie den Ort von Nahrungs- und Futtermitteln völlig entblößt. Überall lagen umgekommene Soldaten.
Verheerende Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung hatte der von den marodierenden Truppen eingeschleppte Fleckentyphus, dem in Kieselbach 71 Personen zum Opfer fielen.
Das französische Wort "retirade" für "Rückzug" ist bis zum heutigen Tag erhalten geblieben in dem Mundartausdruck "Rädderoot" für Unordnung und Durcheinander in Haus und Hof.


1846-1903

 

Um der Armut in ihrer Heimat zu entgehen, wanderten in der Zeit von 1846 bis 1903 194 Kieselbacher Einwohner in die Vereinigten Staaten oder nach Südamerika aus, darunter auch der Tagelöhner Caspar Niebergall (Bild), welcher im Jahre 1851 mit seiner Frau und den beiden Söhnen nach Amerika emigrierte.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert fanden mehrere junge Männer aus dem Ort im Steinkohlebergbau des Ruhrgebietes Arbeit und Brot. Sie wurden von den Einheimischen als "Westfalengänger" bezeichnet und waren nach ihrer Rückkehr in die Heimat die ersten Kalikumpel von Kieselbach.


     

1848/1849

 

Aus den Unterlagen geht hervor, dass die demokratische Bewegung im Vorfeld der Revolution von 1848/49 im ehemaligen Amt Krayenberg in Kieselbach ihren Anfang nahm und bei den anderen sechs Gemeindes des Amtes starken Widerhall fand.
Die "Westfalengänger", welche im Ruhrgebiet mit Mitgliedern dort bereits bestehender Arbeiterorganisationen in Berührung gekommen waren, brachten nach ihrer Rückkehr in die Heimat sozialdemokratisches Gedankengut mit nach Kieselbach. Im Jahre 1893 fand dann die erste sozialdemokratische Versammlung des Ortes statt.


1918

 

Gegen Ende des Jahres 1918 wurde in Kieselbach eine Ortsgruppe der "Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" gegründet. Auch die gewerkschaftliche Arbeit kam in Bewegung. Viele Kalikumpel traten dem "Bergarbeiterverband" bei und erzwangen die Einrichtung einer Zahlstelle im Ort.
Ende 1918 lag die Leitung der Gemeinde für kurze Zeit in den Händen eines "Arbeiter- und Soldatenrates", welcher nach dem Vorbild des in Russland entwickelten Rätesystems gebildet worden war.


1929-1932

 

Im Oktober 1929 brach eine Weltwirtschaftskrise aus, von der auch die exportabhängige Kaliindustrie hart getroffen wurde. Obwohl die Arbeitslosen nur eine geringe Wohlfahrtsunterstützung erhielten, wurde die Gemeindekasse in unerträglicher Weise belastet.
1931 gab es in Kieselbach 400 Arbeitslose.
Durch die Wirtschaftskrise hatte sich das Lebensniveau breiter Bevölkerungskreise drastisch verschlechtet. Von den meisten Menschen wurde die Schuld an der wirtschaftlichen Misere dem "Weimarer System" angelastet. Die radikalen Parteien gewannen an starkem Zulauf.
In Kieselbach errang die KPD bei der Reichstagswahl im Juli 1932 365 Stimmen, die NSDAP 223 Stimmen und die SPD 167 Stimmen.


1933-1945

 

Im Januar 1933 begann der Übergang zur offenen faschistischen Diktatur.
Nach dem Verbot der KPD wurde in Kieselbach eine illegale Leitung des Unterbezirks aufgebaut, und bis zum Jahre 1936 bestanden im Ort zwei Anlaufstellen für Kuriere.
Mit zunehmender Kriegsdauer erhöhte sich auch in Kieselbach die Zahl der Gefallenen, insgesamt verloren im zweiten Weltkrieg 112 Kieselbacher Männer ihr Leben.
Von Luftangriffen der Alliierten blieb Kieselbach zum Glück verschont. Lediglich eine aus einem Notabwurf stammende Bombe schlug hinter der Bäckerei Pforr ein. Sie erwies sich jedoch als Blindgänger.


1945-1989

 

Am 3. April 1945 tauchten am westlichen Ortseingang amerikanische Panzer auf. Nach der Besetzung des Ortes wurde im damaligen Bürgermeisteramt eine Ortskommandantur eingerichtet, die die Besatzungsgewalt ausübte.
Gemäß der in der Konferenz von Jalta getroffenen Vereinbarungen verließen die amerikanischen Truppen am 3. Juli 1945 das Land Thüringen, welches Teil der sowjetischen Besatzungszone wurde.
Aus den noch vorhandenen Aufzeichnungen geht hervor, dass sich das gesellschaftliche Leben im Ort nach 1945 nur langsam entwickelte. Es hatte sich vor allem Politikverdrossenheit unter den Einwohnern breitgemacht.
In der Folgezeit passten sich die meisten Einwohner aus Rücksicht auf ihr berufliches Fortkommen an die Bedingungen an, wie sie unter der "Dikatatur des Proletariats" und der sozialistischen Staatsform vorgegeben waren. Immer und überall stand dabei der Wunsch der Menschen nach Erhaltung des Friedens im Vordergrund. Davon zeugt noch heute ein Ausspruch vieler älterer Kieselbacher, der in Erinnerung geblieben ist. Hochsprachlich lautet er: "Es mag alles sein, Hauptsache ist, es gibt keinen Krieg wieder".


nach 1989

 

Nach der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 wurde in der Nacht vom 11. zum 12. November zwischen Vacha und Philippstahl einer der ersten neuen innerdeutschen Grenzübergänge geschaffen. Dazu wurde ein Mauerstück kurzfristig entfernt und ein provisorischer Kontrollpunkt eingerichtet. Philippstahl erlebte an diesem Tag einen bisher nicht gekannten Ansturm von Bewohnern aus dem granznahen Raum. Auch in Kieselbach waren fast alle Einwohner seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. In Philippstahl kam es zu herzlichen Begrüßungen zwischen Verwandten und Bekannten und zu spontanen Gesprächen.
Hiernach kam es zu einer Flut von "Schnupperreisen" von BRD-Bürgern in die DDR, wobei die Kieselbacher den Besuchern einen herzlichen Empfang bereiteten.
Den ersten Tag der Deutschen Einheit 1990 feierten die Kieselbacher zusammen mit ihren Gästen aus der Partnergemeinde Niederaula.
Am 29.12.1993 unterzeichneten die Bürgermeister Manfred Grob (Kieselbach) und Wolfgang Wollny (Merkers) den Vertrag über die Bildung einer Einheitsgemeinde Merkers-Kieselbach, welcher vorher durch die Gemeindevertretungen mehrheitlich beschlossen worden war.
Bei der Wahl am 12. Juni 1994 wurden Wolfgang Wollny zum Bürgermeister und Wolfgang Niebergall zum ersten Beigeordneten gewählt.
Offizieller Gründungstag der Einheitsgemeinde ist der 1. Juli 1994. An diesem Tag wurde das bisherige Bürgermeisteramt in Kieselbach geschlossen.


Damit endet die 850-jährige Historie der am 18. Juni 1155 erstmals erwähnten "villa Kiselbach" und beginnt die Ortsgeschichte der Einheitsgemeinde Merkers-Kieselbach.